Markus Asper: Onomata Allotria. Zur Genese, Struktur und Funktion poetologischer Metaphern bei Kallimachos. Hermes Einzelschr. 75. Steiner, Stuttgart 1997. 291 S.
Mark Andreas Seiler: Poiesis Poieseos. Alexandrinische Dichtung kata lepton in strukturaler und humanethologischer Deutung: Kall. fr. 254 - 268 C SH; Theokr. 1, 32 - 54; Theokr. 7; Theokr. 11; 'Theokr.' 25. Beitr. zur Altertumskunde 102. Teubner, Stuttgart/Leipzig 1997. 263 S.
Die beiden aus Dissertationen hervorgegangenen Arbeiten veranschaulichen die Spannbreite der aktuellen Forschung zur alexandrinischen Literatur. Während die poetologischen Metaphern bei Kallimachos bisher fast ausschliesslich im Hinblick auf ein aus ihnen abzuleitendes dichtungstheoretisches Programm interpretiert worden sind, stellt Asper die Genese dieser Metaphern als Bilder, ihr Verhältnis zur Bildtradition und ihre rezeptionssteuernde Funktion ins Zentrum seiner Untersuchung. Diese Akzentverschiebung von der - laut A. gar nicht in der oft postulierten festen Form vorhandenen - poetologischen Theorie zur dichterischen Praxis des Kallimachos ist sehr zu begrüssen. Leider hat der Verf. Alan Camerons wichtige Monographie (Callimachus and His Critics, Princeton 1995) nicht mehr berücksichtigen können, mit der er sich in manchem berührt, deren Hauptthese er jedoch widerspricht (192 Anm. 256). Die mit immensem Forschungsaufwand erarbeiteten Ergebnisse zur Weg- (Kap. 2) und Wassermetaphorik (Kap. 3) sowie zu den quantifizierenden Antithesen (Kap. 4) erschliessen teilweise neue Konnotationen dieser Bildbereiche (die religiöse und moralische Ebene der Wegmetapher; die medizinische, intellektualmetaphorische und akustische Konnotation der Antithese von pachus und leptos), können aber nicht in jedem Fall überzeugen (so etwa der von A. geprägte Begriff des 'Temachos-Schemas' und seine Anwendung auf den Schluss des Apollonhymnus). A. beschränkt seine Untersuchung auf die vielbehandelten 'programmatischen' Passagen - den Aitienprolog, der angesichts seiner Fülle poetologischer Metaphern den grössten Raum der Darstellung beansprucht, und den Apollonhymnus -, ohne seine daran entwickelten Thesen auf die in anderen Werken enthaltenen Bilder auszudehnen. Der Grund dafür liegt unter anderem in A.'s radikaler Ablehnung metapoetischer Deutungen von narrativen Passagen, die nicht explizit als poetologische Metaphern gekennzeichnet sind (Kap. 5.3). Zwar mag seine Kritik an der exzessiven Anwendung des Verfahrens der poetologischen Allegorese' berechtigt sein, doch verwirft er die Resultate dieser Interpretationsrichtung allzu pauschal. Die Arbeit, die sich als "Fallstudie nur einiger weniger Metaphern" (18) versteht, erfüllt ihre Zielsetzungen, greift jedoch zu kurz, um generellere Aussagen zur Poetik des Kallimachos zuzulassen.
Die entgegengesetzte Position vertritt Seiler, der auf der Grundlage strukturalistischer und semiotischer Modelle die alexandrinische Dichtung als essentiell selbstreflexiv versteht: ihr Hauptinhalt sei sie selbst. Ihr konstitutives Merkmal stelle das Prinzip der dialogischen Intertextualität dar. Diese in der Bezugnahme sowohl auf die Tradition als auch besonders auf zeitgenössische Dichter geübte Strategie fungiere als ästhetischer Code, mittels dessen sich die alexandrinischen Dichter als Gruppe darstellten und von anderen abgrenzten. Der im Schlusskapitel (F) entworfene Versuch einer humanethologischen Einordnung solcher Gruppendistinktionen durch einen Vergleich des Museion-Betriebs mit dem Verhalten von Männergruppen bleibt allerdings allzu skizzenhaft. In dem von S. zugrunde gelegten poetischen Funktionsmodell nach Jakobson, Barthes und Lotman (Kap. A) wird die primäre Bedeutungsebene eines Textes von sekundären Konnotationssystemen überlagert, welche weitere, insbesondere metapoetische Bedeutungsebenen generieren. Dementsprechend beschränkt sich S. nicht auf den Nachweis isolierter Allusionen, sondern versucht, für ganze Texte "explorierend Systemhaftigkeit und Bedeutsamkeit der intertextuellen Bezüge auszuloten" (2). So deutet S. das Theokrit zugeschriebene 25. Gedicht, den Herakles Leontophonos, als Kontrafakt zur Victoria Berenices des Kallimachos, in dem die Überwindung des Stieres Phaethon durch Herakles textstrategisch die Überwindung des Vorgängers Kallimachos durch Theokrit widerspiegle (Kap. B). Anhand der dichterischen Initiation in Theokrits Thalysien (Kap. C), des erotischen Pathos Polyphems im 11. (Kap. D) und der Becher-Ekphrasis im 1. Gedicht (Kap. E) zeigt S. die Sublimationsfunktion der "dialogisch-intertextuellen und selbstreflexiven Dichtung kata lepton" auf. Häufig dienen allerdings minimale lautliche oder semantische Rekurrenzen als Ausgangspunkt für hochkomplexe allegorische Deutungen, die den Text zu überfrachten scheinen. Zwar bezieht S. den Rezipienten als die das Codierungsmuster des Texte entziffernde Instanz durchwegs mit ein, doch überzeichnet er durch die von diesem verlangte hermeneutische Höchstleistung den elitären Charakter der alexandrinischen Dichtung, die praktisch nur noch für den engen Kreis der Produzenten selbst verständlich gewesen sein soll oder - so scheint es jedenfalls - sich erst dem über computergestützte Statistik verfügenden modernen Literaturwissenschaftler ganz erschliesse (212 Anm. 456). Die auf diesem Weg erzielten Ergebnisse stellen auf manchmal allzu hypothetischen Grundlagen beruhende Interpretationsentwürfe dar, die dennoch auf jeden Fall zur weiteren Diskussion anregen.
Beide Arbeiten sind eine auch für den Spezialisten sehr anspruchsvolle und oft schwer lesbare Lektüre. Für allgemein literaturwissenschaftlich interessierte Leser sind sie, weil Übersetzungen der zitierten Stellen weitgehend fehlen, nicht leicht zugänglich. Hilfreich sind die ausführlichen Stellen- und Sachregister.
Annemarie Ambühl