Hier setzt die vorliegende Arbeit an. In einer Reihe von Interpretationsentwürfen soll versucht werden, explorierend Systemhaftigkeit und Bedeutsamkeit der intertextuellen Bezüge auszuloten. Manche Beobachtungen legen nahe, dass die Texte Interpretationsbewegungen voraussetzen, welche dialektisch Textoberflächen und latente Texte komplex in Beziehung setzen. Begriffe wie 'Folie', 'Ironie' oder oppositio in imitando als Nenner der Text-Text-Beziehung greifen in vielen Fällen zu kurz. Zu rechnen ist eher, in Übereinstimmung mit semiotischen Modellen anspruchsvoller poetischer Texte, mit einer vielfältigen und nur aufgrund ausgreifender hermeneutischer Bewegungen nach und nach - aber nie abschliessend - bestimmbaren konnotativen Überlagerung des sich beziehenden Textes, welche diesen semantisch anreichert und tiefgreifend motiviert.
Eine solche ist zuerst am 25. Gedicht im Corpus Theocriteum aufzuzeigen, das wir als eine kontrafaktische Responsion zur Victoria Berenices des Kallimachos (Fragment 254 - 268 C Supplementum Hellenisticum) erweisen, die sich selbst als solche vielfach reflektiert. Ein Angelpunkt des intertextuellen konnotativen Bedeutungszuwachses sind, auf einen Vers genau in der Mitte des umfangreichsten Gedichtes der gesamten Sammlung, die Verse 139 - 141, die dichtungstechnisch virtuos eine Textstrategie des Kallimachos im Deloshymnus (mit der dieser Pindar antwortet) verdichten: Der Überwindung des schönsten Stieres des Augias durch Herakles entspricht textstrategisch die eines Kallimacheischen Passus durch 'Theokrit'. Die Funktion des Mythos, zumal einzelner Episoden, ist nunmehr vornehmlich (nicht aber allein) die Reflexion der eigenen textstrategischen Realisation - im Verhältnis zu anderen Texten in ihren vielfältigen Aspekten und Bezügen. Analog deutbar ist das Muscipula-Fragment des Kallimachos (259 Supplementum Hellenisticum): der Text spiegelt auf der Ebene der Signifikate die textuelle Strategie, die bei Berücksichtigung allusiver Bezüge aufscheint; wo der Text von einer Falle spricht, die gestellt wird, ist er auf textstrategischem Niveau für den Leser eine solche.
Die Thalysien (7. Idyll) bestätigen Selbstreflexivität und Intertextualität als zentrale Charakteristika der Dichtung kata lepton. Dem Initianden Simichidas wird Poesie vor Augen gestellt, die Poesie aus Poesie über Poesie ist, ihre Bedingung und Wirkung - Sublimation von Eros, Leid und Gewalt - reflektiert; sinnfälligerweise ist nicht das bukolische Genus Initiationsinhalt. Kulturelle, besonders literarische und philosophische Muster sind in diesem Text mannigfach ineinandergeschaltet: Die psychagogische Strategie, in deren Vermittlung die Initiation sich vollzieht, ist teils von Epikureischen Philosophemen her fassbar. Grundlegend ist der Demeterkomplex, der durch das Thalysienfest und Verweise auf die Dichtung des Philitas evoziert wird, aber auch durch eine Investitur des Simichidas als eleusinischem Proto-Mysten Herakles: eine Bestimmung, die diese Figur zum Herakles des 25. Gedichtes in Beziehung setzt.
Es folgt eine Interpretation des 11. Gedichtes, die von an den anderen Texten Erkanntem ausgeht. Ausgeprägte Intertextualität sowie Responsion als Verfahren und Sublimation des Eros im guten Lied als Motiv sind, wie darzutun ist, auch in diesem Text dicht verwoben. Namentlich für das Muscipula-Fragment herausgestellte zwischentextliche Bezugnahmen können untermauert werden.
In der Becher-Ekphrasis des 1. Gedichtes finden wir die Antithese Dichtung kata lepton vs. ungehemmte Sexualität, das produktions- und wirkungsästhetische Moment der Sublimation von Gewalt und Eros in Dichtung, die sich anderer als eines Instruments der Überwindung bedient, wieder: der Passus stellt die Dichtung des Kallimachos und Theokrit als selbstreflexive vor Augen.
Unseren Interpretationen
vorangestellt sind poetologische Ausführungen. Der postulierten Systemhaftigkeit
der zwischentextlichen Bezogenheit dürfte eine methodische Grundlegung
auf der Basis der strukturalistischen Theorie der Poetizität, wie
sie seit den fünfziger Jahren etwa von Roman Jakobson, Roland Barthes
und Jurij M. Lotman entwickelt wurde, einerseits und andererseits auf derjenigen
der Semiotik, wie sie Umberto Eco vertritt, eher gereicht werden als eine
von der Intertextualitätstheorie her. An einigen Textpassagen, die
später in den Gedichtdeutungen, dann mannigfach verknüpft, erneut
besprochen werden, ist das Phänomen der bedeutungskonstituierenden
Rekurrenz elementar aus dieser Warte zu beleuchten. Das Kapitel bezweckt
nicht, die am Text herausgestellten Phänomene theoretisch umfassend
zu erklären (dies muss Ziel späterer Arbeiten bleiben); es soll
die Problematik bewusst machen und als Plattform für die interpretative
Exploration dienen.
(. . .)