Zur Funktion des Mythos: Poiesis und Metapoiesis
 
Ambühl: Ein zweiter Fragenkomplex betrifft das Verhältnis von Poiesis und Metapoiesis, das heisst die Beziehung zwischen der primären und den sekundären Bedeutungsebenen in dem zugrundegelegten poetischen Funktionsmodell (vgl. die Erläuterungen dazu, 8-14): "Zu rechnen ist eher, in Übereinstimmung mit semiotischen Modellen anspruchsvoller poetischer Texte, mit einer vielfältigen und nur aufgrund ausgreifender hermeneutischer Bewegungen nach und nach - aber nie abschliessend - bestimmbaren konnotativen Überlagerung des sich beziehenden Textes, welche diesen semantisch anreichert und tiefgreifend motiviert" (1). Besteht in diesem Konnotationssystem ein hierarchisches Gefälle im Verhältnis zwischen Oberflächenstruktur und latentem Gehalt? Mit anderen Worten: Konstituiert sich die Essenz des Textes vorwiegend oder sogar ausschliesslich auf der metapoetischen Ebene, oder ist er auch auf der elementaren Handlungsebene als in sich geschlossene, sinnvolle Erzählung lesbar?
 
Seiler: Das 25. Gedicht wurde bisher von vielen Philologen als bizarrer Text empfunden. Auch meine jahrelange Beschäftigung mit dem Gedicht beruht auf der Überzeugung, bei der üblichen philologischen Lektüre entgehe einem Wesentliches. Wo man (signifikante) Störungen der Kohärenz des Textes sieht, hängt  u. a. vom (insbesondere ästhetischen) Bildungs-, Erfahrungs- und Erwartungshorizont des Lesers ab. Mythen können losgelöst von ihrer Funktion erzählt und als sinnvoll empfunden werden.
 
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A.: Nach Ihrer Deutung ist die Funktion des Mythos in erster Linie unter dem Aspekt seiner Autoreferentialität zu betrachten: "Mythen sind bei den Alexandrinern schwerlich weniger als in voraufgehenden Epochen von ihrer Funktionalisierbarkeit her, als angewandte Erzählungen zu verstehen; nur dass hier die Funktionalisierung einen Codierungsgrad aufweist, der den Dichtern, die zugleich Philologen sind, gemäss ist, weitaus komplexer und raffinierter, wesentlich über ein Netz von intertextuellen Verweisen erfolgt. [...] Der in der Dichtung gestaltete Mythos spricht selbstreflexiv besonders vom dichterischen Werk, von dessen Bedingung, Entstehen, Charakteristik und Leistung" (21). Welche Rolle spielen bei der Wahl der in der alexandrinischen Dichtung erzählten Mythen neben der metapoietischen Funktion weitere Faktoren, etwa politische (die Aussagen zu 'Theokrit' 25 in Kap. B.IV.4, bes. 71 Anm. 158, kann ich aufgrund ihrer extrem komprimierten Form nur bedingt nachvollziehen)?
 
S.: Zweifellos bringt der Mythos bei den Alexandrinern auch Politisches zur Sprache. Peter Bing zeigt dies meines Erachtens deutlich in seiner Interpretation des Deloshymnus, Enrico Livrea weist in seinem Argonautika-Kommentar darauf hin, und mit Bezug auf  'Theokrit' 25 und Theokrit 7 erwähne ich in einigen Fussnoten diese Dimension (vgl. z. B. Anm. 158 f.). Doch liesse sich hierzu sehr viel mehr sagen. Eine politische Dimension geht oft mit einer autoreferenziellen Hand in Hand, denn diese situiert den besprochenen Personenkreis und das Milieu.
 
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A.: Wie stellen Sie sich angesichts Ihres dezidiert strukturalistischen Ansatzes (3) zu der in jüngster Zeit geäusserten grundsätzlichen Skepsis gegenüber metapoietischen Interpretationen antiker Texte, die meist mit dem Dekonstruktivismus in Verbindung gebracht werden? Vgl. etwa G. B. Conte und A. Barchiesi, Imitazione e arte allusiva. Modi e funzioni dell' intertestualità, in: Lo spazio letterario di Roma antica, edd. G. Cavallo, P. Fedeli, A. Giardina, Vol. I: La produzione del testo, Roma 1989, 81-114, Zitat 93: "Ma nel clima attuale, alimentato dalle fortune 'decostruzioniste', si tende sopratutto a vedere nei fenomeni intertestuali una cifra di autoreflessione del poeta [...]. Ci sembra insomma che si vada verso il pericoloso assunto che ogni allusione debba essere sempre metaletteraria, rinviare a un contenuto principe che non è altro che l' opera stessa. C' è da temere una generazione di critici per cui la letteratura (come certi fastidiosi utenti delle carrozze ferroviarie) finisce sempre, prima o poi, per parlare solo di sé." Speziell zur alexandrinischen Dichtung vgl. M. Asper, Onomata allotria. Zur Genese, Struktur und Funktion poetologischer Metaphern bei Kallimachos, Stuttgart 1997, 224-234, Zitat 233 f.: "Unwahrscheinlich aber macht diese Deutungen allein die Tatsache, dass die Gedichte, denen sie unterstellt werden, für die Rezeption bestimmt waren, dass aber der antike Rezipient Metapoietisches nicht erwarten durfte. [...] 'Metapoiesis' ist also nur als meta-philologischer Modernismus zu begreifen." Im Sinne Aspers vgl. jetzt auch Ch. Pietsch, Die Argonautika des Apollonios von Rhodos. Untersuchungen zum Problem der einheitlichen Konzeption des Inhalts, Stuttgart 1999, 18.
 
 
S.: Meine methodischen Ansätze stehen in der Tradition des Strukturalismus der 50er bis frühen 70er Jahre und sind mit jenen einiger Arbeiten von Conte und Barchiesi verwandt (vgl. S. 22 ff.). Zumal in Contes Vergil- und Ovid-Interpretationen spielt die Figur der Selbstreflexivität eine eminente Rolle. Dekonstruktivistisches sehe ich in Poiesis Poieseos nicht. Die Bedenken der beiden italienischen Philologen in bezug auf den Dekonstruktivismus mag man teilen, wird aber - will man nicht selber dekonstruktivistisch ausufernd argumentieren - strukturalistische Vorgehensweisen hiervon strikt unterscheiden müssen.
 
'Metapoiesis' nur als "Modernismus" zu begreifen ist gar radikal: Erinnert sei an seit langem in unserer Wissenschaft etablierte Deutungstraditionen beispielsweise der Schildbeschreibung in der Ilias oder der Demodokos-Figur in der Odyssee. Dass Pindar in seinen Texten passagenweise von seinem dichterischen Tun spricht, ist nicht wegzudiskutieren. Ausser Frage steht, dass antike Leser Teile der bukolischen Dichtungen als selbstreflexiv verstanden (ein schönes Beispiel ist etwa Servius zu Vergil, ecl. 10, 71: allegoricos autem significat se composuisse hunc libellum tenuissimo stilo). Auf den Seiten 156 f. erinnere ich an eine Stelle der Metaphysik des Aristoteles, wo das Denken des Denkens (noesis noeseos) als das höchste Philosophieren gesehen wird. Nicht einzusehen ist, weswegen Metapoesie bei den Alexandrinern a priori auszuschliessen sein soll.
 
Was heisst die Rezeption? Wer ist der antike Rezipient? Wie kann man wissen, was der antike Rezipient "nicht erwarten durfte"? Ohnehin: Ist davon auszugehen, dass Kunst das bietet, was der Rezipient erwarten darf? Für Theokrit und Kallimachos wird es die Rezeption ebensowenig gegeben haben wie für Hölderlin, Rilke oder Celan. Versuche, die möglichen Aussagen der Texte vom (präsupponierten) Erwartungshorizont des zeitgenössischen Durchschnittslesers her einzugrenzen, beruhen auf einem grundlegenden Missverständnis des Phänomens Kunst und der hochkomplexen Kommunikationssituation zwischen Künstler und Publikum: Schrieb ein Hölderlin, Rilke oder Celan so, dass der durchschnittliche Leser ihn umfassend verstehen konnte? Nicht einmal die Gebrauchsanleitungen moderner kommerzieller Produkte orientieren sich konsequent am Verstehenshorizont der Käufer und weder Aspers noch mein Buch an dem der Durchschnittsphilologen.
 
 
 
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