Zum Publikum der
alexandrinischen
Dichtung
Ambühl: Die in der
Kurzrezension auf S. 225 angedeutete Problematik wird hier etwas weiter
ausgeführt: "Zwar bezieht S. den Rezipienten als die das
Codierungsmuster
des Textes entziffernde Instanz durchwegs mit ein, doch
überzeichnet
er durch die von diesem verlangte hermeneutische Höchstleistung
den
elitären Charakter der alexandrinischen Dichtung, die praktisch
nur
noch für den engen Kreis der Produzenten selbst verständlich
gewesen sein soll oder - so scheint es jedenfalls - sich erst dem
über
computergestützte Statistik verfügenden modernen
Literaturwissenschaftler
ganz erschliesse (212 Anm. 456)."
Für die
alexandrinischen
Dichter Kallimachos, Theokrit und Apollonios identifizieren Sie einen
"gemeinsamen
ästhetischen Gruppenidiolekt kata lepton" (19 f.). Dieser
"kulturelle
und textuelle Code" diene auf der einen Seite zu einer sich in agonaler
Form abspielenden dialogischen Intertextualität zwischen den
Mitgliedern
des Museions, auf der anderen Seite zur Abgrenzung der eigenen Gruppe
von
anderen, "nicht kata lepton Dichtenden und Lesenden" (vgl.
232-235).
Bei Ihren
Interpretationsentwürfen
versuchen Sie den hypothetischen Lektüremodus eines exemplarischen
alexandrinischen Leser nachzuvollziehen, dessen literarische Kompetenz
mit der des Dichters vergleichbar sei (6 f., vgl. 12 f.). Der
"prägnante
virtuelle Miteinbezug kanonischer Texte der griechischen
Kulturtradition"
bildet die Voraussetzung für einen dem Produktionsakt
adäquaten
Rezeptionsakt (11) - eine Sichtweise der alexandrinischen Dichtung,
welche
Tendenzen weiterführt, die in der neueren Forschung durchaus
etabliert
sind (vgl. den Forschungsabriss, 22-28). Nun gehen Sie aber von einem
solchen
Raffiniertheitsgrad der in den Texten angelegten
Verschlüsselungsstrategien
aus, dass damit extrem hohe Hürden für den Rezeptionsakt
errichtet
werden. Die Texte erscheinen beinahe als 'Mysterientexte', deren
vollständige
Decodierung nur dem Eingeweihten möglich ist. Müsste bei
einem
solchen Verständnis der alexandrinischen Dichtung in letzter
Konsequenz
nicht der Rezipient mit dem Produzenten, der reale Leser mit dem vom
Text
selbst konstruierten idealen Leser zusammenfallen? Der Kreis des
primären
Publikums würde sich somit auf die Mitglieder des Museions oder
sogar
auf eine ausgewählte Gruppe innerhalb dieser Gemeinschaft
beschränken:
"Die Art und der Schwierigkeitsgrad der Codierung ist natürlich
vom
Niveau der Kunstproduzenten und intendierten -rezipienten her zu
ermessen,
hier demnach dem der Besten im Museion" (234 f. Anm. 516).
Wenn die alexandrinische
Dichtung demnach im soziohistorischen (und humanethologischen: 232-235)
Kontext einer elitären Gruppe zu situieren ist, in der die
Produzenten
grösstenteils mit den Rezipienten identisch sind, wäre die -
zugegebenermassen etwas ketzerische - Frage zu stellen, welche Motive
ihrer
weiteren Verbreitung zugrundeliegen (einmal abgesehen von der
zweifellos
überragenden Qualität der Texte). Würden solche Texte zu
ihrem adäquaten Verständnis nicht ein intimes Wissen um die
Produktionssituation
voraussetzen, das praktisch nur der Gruppe selbstzugänglich
wäre,
deren Mitglieder im direkten (mündlichen?) Dialog miteinander
stehen?
Könnte eine spätere Rezeption diese Texte überhaupt in
ihrer
ganzen Komplexität erfassen? Anders gefragt: Müsste nicht die
Mehrzahl der antiken und modernen Rezipienten unausweichlich in die von
den Texten gestellten 'Leserfallen' tappen?
Seiler: Es scheint ein
Merkmal vorzüglicher Kunstwerke zu sein, dass sie oft auch jene
besonders
ansprechen, denen sie sich - nach Massgabe ihrer semiotischen
Komplexität
- nur rudimentär erschliessen. (Davon leben Museen, Theater und
zweifellos
auch Verlage.) Wie weit ein umfassenderes Verständnis der Gedichte
des Theokrit und Kallimachos ein nicht aus den Texten selbst
ableitbares
Wissen um die Produktionssituation voraussetzt, ist für mich
(noch)
nicht erkennbar. Ich denke, dass sehr viele Informationen in den Texten
(auf den konnotativen Ebenen) angelegt und dem aufmerksamen und
geduldigen
Leser zugänglich sein können. In ihrer ganzen
Komplexität
werden die Gedichte kaum je zu verstehen sein, was aber -
selbstverständlich
mit graduellen Unterschieden - für jedes Kunstwerk gilt.
*
*
*
A.: Methodisch schliesst
sich
die Frage an, welchen Zugang die moderne Forschung für sich
beanspruchen
kann und wo die Grenzen der Interpretierbarkeit solcher Texte liegen.
Als
Fallbeispiel mag der in Kap. D.4 untersuchte Komplex von Allusionen um
die Wurzel *pH2g dienen: Kann der
moderne
Rezipient, der über die technischen Möglichkeiten
verfügt,
das Auftreten einer bestimmten Fügung im überlieferten Corpus
der griechischen Literatur statistisch zu erfassen (212 Anm. 456), die
Assoziationsprozesse des antiken Produzenten mit an Sicherheit
grenzender
Wahrscheinlichkeit nachvollziehen, zumal er mit der Möglichkeit
rechnen
muss, dass potentiell wichtige Texte im Lauf der Überlieferung
verlorengegangen
sind? Dieser Einwand möge weder als grundsätzliche Skepsis
gegenüber
dem Einsatz elektronischer Datenbanken noch als Plädoyer gegen die
Anwendung moderner Literaturtheorie missverstanden werden, doch scheint
die schmale materielle Basis mancher der vermuteten Allusionen der Last
der darüber errichteten Konstruktionen - bei all deren
Subtilität
- beinahe nicht gewachsen zu sein.
Meine Ausführungen
beziehen sich hauptsächlich auf das in Anm. 456 genannte Beispiel,
das Sie ja selbst als besonders signifikant herausstellen. Eine meiner
Fragen betrifft die Gedächtnisleistung eines antiken Rezipienten:
Wie würden Sie die Technik des Aufrufens der relevanten Praetexte
beschreiben? Sicher ist es bei unserem Beispiel förderlich, dass
es
sich um so kanonische Texte wie Homer oder Hesiod handelt, doch ist
eine
Identifikation von einzelnen Buchstabenfolgen in nicht offensichtlich
miteinander
verwandten Texten ohne Hilfsmittel vorstellbar, zumal mit einer noch
umfangreicheren
als der uns zur Verfügung stehenden Textmenge gerechnet werden
muss?
(Vielleicht können wir angesichts unserer technischen
Möglichkeiten
die Kapazitäten des Gedächtnisses auch gar nicht mehr voll
ermessen.)
S.: Manche der
aufgewiesenen
Allusionen beanspruchen je für sich genommen keine Evidenz.
Evidenz
erwächst dem semiotischen Funktionieren von Kunstwerken
entsprechend
oft erst aus dem Zusammenspiel einer Vielzahl von Konnexen. Gerade
dies,
das prozesshafte Frage- und Antwortspiel, in das sich einzulassen vom
Leser
und Interpreten gefordert wird und in dessen Vollzug die sekundäre
Bedeutungsbildung erfolgt, konstituiert den Kunstcharakter (in diesem
Zusammenhang
verweise ich auf die Semiotik von Umberto Eco: vgl. S. 13).
Die Statistik in der
Anmerkung
456 ist gleichsam eine Neunerprobe und nicht die Rechnung selbst. Ich überprüfe
dort ein Ergebnis der vielfältigen Argumentationskomplexe,
die ich auf den voraufgehenden rund 200 Seiten (und teilweise auch auf
den nachfolgenden 20) entwickle, mit elektronischen Mitteln. Beim Leser
vorauszusetzen ist demnach nicht die Leistung des Computers auf der
Basis
der TLG-Datenbank, deren Ergebnis die Fussnote als statistisch
signifikant
referiert, sondern ein fortschreitendes Argumentieren, wie es die
Arbeit
zur Hauptsache bietet.
Potentiell wichtige
Texte
sind verloren, dies ist mit Sicherheit anzunehmen. Doch kann uns dies
nicht
am Versuch hindern, ausgehend vom vorhandenen Textmaterial die
überlieferten
Texte des Theokrit und Kallimachos besser zu verstehen.
*
*
*
A.: Ein möglicher
Ausweg
aus dem Dilemma des Interpreten mag in der von Ihnen hervorgehobenen
Freiheit
des Rezipienten bestehen: "Entsprechend ist der hermeneutische Akt zu
verstehen
als ein nicht nur grosse kulturelle Kompetenz, sondern auch hohe
Bewusstheit
forderndes geistiges Handlungsspiel. Dennoch wird man kaum im Text
einfach
die Autorintention erkennen zu können meinen; zum einen ist
Kommunikation,
besonders solche, die wir als Kunst bezeichnen, kein vollkommen
willkürlicher
und bewusster Akt, zum anderen ist jede Lektüre notwendig eine
dialektische
zwischen Werktreue und inventiver Freiheit" (22). Die Texte fungieren
"nicht
simpel als Bedeutungsträger, sondern als ästhetische
Parcours,
die autorseitig mentale Handlungsstrategien darstellen und leserseitig
zu solchen Gelegenheit bieten. Den Texten sind Wege ohne Zahl
eingeschrieben,
die Leser beschreiten können, an jeden Argumentationsschritt
liesse
sich eine Vielzahl anderer anknüpfen" (3). Wie verhält sich
diese
prinzipielle Offenheit des Kunstwerks indes zu den in die Texte selbst
eingeschriebenen Ausgrenzungsmechanismen, die ja gerade dazu dienen
sollen,
eine nicht der Autorintention entsprechende Lektüre zu entlarven
(235)?
S.: Die von mir gemeinte
Offenheit der Texte ist in erster Linie jene der vielfältigen
Wahlmöglichkeiten
dessen, der sich in einem Weglabyrinth bewegt. Geistreiche Labyrinthe
sind
so konstruiert, dass sich dem kombinatorisch intelligent Suchenden nach
und nach das Konstruktionsprinzip und damit der Weg zum Ziel
erschliesst.
Eine kopflose Wegsuche führt in Sackgassen und soll dies auch.
Frustration
gehört zum Spielprinzip.
*
*
*
A.: In der Frage des
Publikums
liesse sich die enge Fokussierung auf den Museionbetrieb in der
Richtung
erweitern, dass in den Texten selbst verschiedene Verstehensebenen
für
verschiedene Rezipienten angelegt sind, ein breiteres Publium somit
nicht
zum vornherein ausgeschlossen ist, auch wenn sich diesem nicht
notwendig
alle Ebenen erschliessen (vgl. G. Weber, Dichtung und höfische
Gesellschaft,
Stuttgart 1993, 122-130, worauf Sie 3 Anm. 4 verweisen). Dieser Ansatz
würde Tendenzen der jüngsten Zeit Rechnung tragen, die den
elitären
Charakter der alexandrinischen Dichtung etwas zu relativieren suchen
(vgl.
etwa G. O. Hutchinson, Hellenistic Poetry, Oxford 1988, 6 f.; A.
Cameron,
Callimachus and His Critics, Princeton 1995, 24-70). Oder schliesst die
esoterische Exklusivität des Dichterzirkels eine solche
Erweiterung
des Adressatenkreises Ihrer Meinung nach prinzipiell aus? Wie
würden
Sie dann aber das weitere Fortwirken dieser Texte begründen?
S.: Dass die Texte auch
von einem weiteren Publikumskreis gelesen wurden und auch daraufhin
angelegt
sind, zeige ich in der Interpretation des 11. Gedichtes (S. 185 ff.):
Der
Arzt Nikias dürfte eine Mittelstellung zwischen der intimen Gruppe
der kata lepton Lesenden und dem weiteren Publikum einnehmen.
Das
15. Gedicht parodiert wohl - wiederum selbstreflexiv - den
oberflächlichen
Lektüremodus einfacher Leute. Anzunehmen ist, dass die Texte im
Wissen
darum geschrieben wurden, dass Tausende sie lesen, aber nur einige
wenige
umfassender verstehen. Die Personen des weiteren Publikumskreises als
sekundäre
Adressaten zu bezeichnen zögere ich. Man rechnet wohl zwar damit,
von diesen gelesen zu werden, schreibt aber nicht für
sie.
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